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Führung in Osthofen

Foto Gedenkstätte

Gedenkstätte KZ Osthofen

Foto Gedenkstätte

Gedenkstätte. Fotos: LpB/ Faust

Gedenkstätte: Das KZ Osthofen und die zerschlagenen Gewerkschaften

Die Schrecken der Naziherrschaft waren ganz nah. Auch hier in Rheinhessen. Und das schon ganz früh: Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde im März 1933 das Konzentrationslager in Osthofen eröffnet: „Es ging hier vor allem darum, den Widerstand in der Bevölkerung zu brechen“, sagt Janika Schiffel. Die Studentin ist eine von 10 studentischen Guides, die immer wieder durch die Gedenkstätte in dem rheinhessischen Städtchen führen. Dazu kommen noch zwei FSJ`ler und drei Angestellte der Gedenkstätte, die ebenfalls durch das Anwesen führen. 

Jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr finden die öffentlichen Führungen statt: „Aber man kann auch spezielle Termine für Gruppen, wie etwa Schulklassen, unter der Woche buchen“, sagt Schiffel. Zwischen 300 und 400 Gruppenführungen gibt es im Jahr, sagt Martina Ruppert-Kelly, Referentin in der Gedenkstätte. „Der größte Teil unserer Besucherinnen und Besucher – geschätzt etwa 80 Prozent - nimmt an einer Führung teil.“

Wer nach Osthofen kommt bekommt einen guten Überblick über die Geschichte des Lagers, den Alltag darin und über das Leben im Nationalsozialismus in der Region. In den Räumen und im Hof ist noch ziemlich viel der bedrückenden Atmosphäre spürbar, die vor über 80 Jahren dort herrschte, als bis zu 400 Menschen dort eingepfercht waren. Zudem gibt es eine interessante Dauerausstellung zum Thema. Mit dabei ist auch ein Raum über die Schriftstellerin Anna Seghers und Ihr Buch „Das siebte Kreuz“, wofür Osthofen als Vorbild diente. Manchmal werden bei den Führungen auch spezielle Aspekte als Schwerpunkt herausgestellt. Heute sind es die Gewerkschaften, für deren Osthofen-Geschichte sich etwa 17 Besucher interessierten.  

Für die Nazis waren die Gewerkschaften und deren engagierte Mitglieder einer der Hauptgegner in ihren ersten Monaten. Schließlich regte sich dort starker Widerstand gegen das Regime. „In Lagern wie Osthofen waren deshalb am Anfang viele Gewerkschafter untergebracht“, sagt Schiffel, die auch einen Einblick in die Struktur des Lagers gibt: „In Osthofen wurde niemand ermordet, die Gefangenen blieben hier meist nur ein paar Wochen – lebten aber unter schlimmsten Bedingungen: Sie schliefen auf dem Boden, konnten sich nicht duschen, mussten teils unmenschliche Arbeiten ausführen.“ Und nach der Entlassung standen die Gedemütigten meistens vor dem Nichts: Kein Job mehr, im Dorf geächtet, ohne Perspektive. Etwa 100 Lager dieser Art gab es in den Anfangstagen der Nazi-Herrschaft. Osthofen war das zweite nach Dachau und wurde nach eineinhalb Jahren schon wieder geschlossen: Das Ziel war erreicht, die Bevölkerung auf Linie gebracht oder komplett verängstigt. 

Der 1. Mai 1933 spielte eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung der Gewerkschaften. Erstmals hatten die Nazis aus diesem Tag einen gesetzlichen Feiertag gemacht und damit viele Arbeiter auf ihre Seite gezogen. Wer das Spiel durchschaute und dagegen anging, fand sich in den Wochen vor dem Tag der Arbeit häufig im Lager wieder. „Zunächst waren das die einfachen Gewerkschaftsmitglieder“, sagt Schiffel. Die Leitungsschicht blieb zunächst verschont – „die Menschen sollten glauben, dass die Gewerkschaftsführer mit den Nazis zusammenarbeiten, damit sie selbst verschont blieben.“ Doch am 2. Mai, nachdem viele Arbeiter bei den Kundgebungen mitmarschiert waren, wurden dann auch die Ober-Genossen verhaftet – meist auf demütigende Art und Weise, mit der Nennung der Namen in den Zeitungen und verbunden mit Märschen durch die Dörfer.   

So erging es zum Beispiel auch Philipp Wahl. Der Rheinschiffer schmuggelte Informationen den Fluss hinauf und hinunter. Bis er verraten wurde und nach Osthofen kam. Ebenso erging es dem Schneidermeister Albert Lehmann. Der gebürtige Rüsselsheimer lieferte sich schon während der Weimarer Republik Saalschlachten mit den Nazis. Als diese dann an der Macht waren, steckten sie den Gewerkschafter schnell ins sogenannte „Umerziehungslager“, das jedoch nur ein brutaler Ort der Demütigung war. 

Text und Fotos: Bardo Faust

Zusatzinfo:

Themenführungen als spezielle Gruppenführung gibt es schon länger, beispielsweise eine zur Rolle der Polizei oder eine zu Anna Seghers. Beim Tag des offenen Denkmals im September steht die Geschichte des Gebäudes der Gedenkstätte im Vordergrund. Recht neu ist es, dass auch öffentliche Führungen unter einem Sonderthema stehen – wie jetzt aktuell zum Thema Gewerkschaften. Auch werden Rundgänge in englischer Sprache angeboten. Für dieses Jahr sind noch in Planung:

03.09. Öffentliche Führung in englischer Sprache

10.09. Geschichte des Gebäudes (zum Tag des offenen Denkmals)

03.12. Anna Seghers

Nähere Infos zur Gedenkstätte sowie Anfragen zu Gruppenführungen gibt es beim

NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz/Gedenkstätte KZ Osthofen
Ziegelhüttenweg 38
D-67574 Osthofen
Tel.: +49 (0) 62 42 - 91 08 10
Fax: +49 (0) 62 42 - 91 08 20
Mail: info(at)ns-dokuzentrum-rlp.de

www.gedenkstaette-osthofen-rlp.de

 

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