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Nacht der Nachhaltigkeit: Plädoyer für die Ernährungswende

1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden jährlich weltweit weggeworfen – vieles bereits bevor es verkauft werden kann. Beispielsweise, weil es nicht perfekt aussieht. Oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.  Vieles wird aber auch von Privathaushalten in den Müll geschmissen – in Deutschland etwa mehr als sechs Tonnen im Jahr. "Lebensmittel werden nicht genügend wertgeschätzt", nannte Prof. Dr. Guido Ritter einen Grund dafür. Der Ernährungswissenschaftler der FH Münster diskutierte über das Thema "Genuss mit Zukunft" bei der Nacht der Nachhaltigkeit im Landesmuseum.  Ebenfalls mit auf dem Podium: Michael Schieferstein von den Foodfighters, Tobias Reichert (Germanwatch) und Georg Dürmuth (Kaisers Biobäckerei).

Alle Podiumsteilnehmer waren sich einig: Im Umgang mit den Lebensmitteln muss sich dringend etwas ändern. In Deutschland. Und weltweit. Denn den weggeworfenen Lebensmitteln stehen mehr als eine Milliarde hungernder Menschen gegenüber. Die könnten rein von der Kapazität her versorgt werden, wenn das ganze Ernährungssystem darauf ausgerichtet wäre. Ist es aber nicht: "Wir brauchen die Ernährungswende", sagte Ritter denn auch. Seine Kernpunkte: Fleischkonsum einschränken; nur so viel essen, bis man zufrieden ist; Kinder in der Schule mit Biolebensmitteln ernähren; alle Supermärkte dazu verpflichten, mindestens 20 Prozent Biolebensmittel im Sortiment zu haben.

Ähnlich denkt Michael Schieferstein, der mit seinem Verein Foodfighters für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln kämpft. Er richtet seinen Fokus auf die Arbeit in den Schulen. Denn die Kinder seien die Generation, die noch umdenken könne. Bei den Erwachsenen sei dies schon schwieriger. Deshalb lehrt er die Kinder den richtigen Umgang mit Lebensmitteln, kocht und isst mit Ihnen gemeinsam.  Das funktioniere gut. Schon nach wenigen Wochen würden die Kinder bewusster mit ihrem Essen umgehen.

Einig waren sich die Diskutanten auch darin, dass die Lebensmittel viel zu billig sind und auch die Vielfalt in den Regalen zu groß ist. Das verführe dazu Dinge mitzunehmen, obwohl man sie gar nicht braucht. Tobias Reichert von German-Watch mahnt deshalb einen Paradigmenwechsel an. Die Verbraucher müssten bereit sein, mehr für Lebensmitteln auszugeben. Damit könnte die Qualität steigen und man gehe eben bewusster zum Einkauf, weil man kein Geld verschwenden will. Hilfreich sei es auch, die Lebensmittel zu klassifizieren, ähnlich wie bei den Eiern. Denn häufig sei es schwierig im Supermarkt zu erkennen, welche Lebensmittel auf welchen Grundlagen hergestellt wurden - Einwand eines Gastes, der auf dem "offenen Stuhl" auf dem Podium Platz nahm. Moderator Dr. Thomas Metten hatte diese Form gewählt, um die Fragerunde des Publikums ein wenig zu entzerren. Ein geglücktes Experiment, denn viele der rund 120 Zuhörer machten mit.

Die Sortimentsbreite machte auch Georg Dürmuth als Problem aus. Denn die große Auswahl führe dazu, dass auch viel liegen bleibe: "Und was machen wir dann mit den Retouren?" In dem Zusammenhang gab er einen interessanten Einblick in die Wirtschaftlichkeitsrechnung von Bäckereien. "Früher hieß es, wer mehr als 8 Prozent Retouren hat, der geht auf Dauer pleite. Heute sagt man, wer weniger als zwölf Prozent Retoure hat, kann nicht überleben." Das bedeute, wer nicht den ganzen Tag lang ein vielfältiges Angebot parat hat – mit der Folge, dass abends viel übrigbleibt – der wird auf Dauer vom Kunden geschmäht.

Außer der Diskussion hatten die Veranstalter von der Landeszentrale rund um Svenja Pauly, dem Umweltministerium und der Engagement Global gGmbH auch einen Markt der Nachhaltigkeit organisiert, bei dem verschiedene Organisationen ein buntes Angebot bereithielten. Der Verein Foodsharing und das Umweltministerium luden zur "Schnippeldisco": Vor der Tonne gerettete Lebensmittel wurden geschnitten und zu einem Gemüsegericht verarbeitet. Oikocredit informierte über Faire Kredite für faire Lebensmittel und das Innenministerium über die  Kooperative Kopakama in Ruanda. Gesunde Ernährung war das Thema des Gesundheitsforums Mainz-Wiesbaden, dem Einfluss der Ernährung auf Tier und Umwelt widmete sich Greenpeace, die Verbraucherzentrale gab Tipps gegen Lebensmittelverschwendung und der Weltladen unterwegs informierte über Kaffee. Was es bedeutet, eine nachhaltige Stadt zu bauen, darüber hatte sich das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung Gedanken gemacht. Die Ergebnisse gab es in einer kleinen Ausstellung.

Text u. Fotos: Bardo Faust.

 

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