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Reichspogromnacht 9. November 1938

Berlin-Tiergarten, le 10 novembre 1938, dans la Potsdamer Strasse, les commercants juifs enlèvent les traces du pogrom de la nuit. Foto: Jean-Pierre Dalbéra, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Vor 80 Jahren kam es in Deutschland in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 zur sogenannten Reichspogromnacht. In dieser Nacht begannen im nationalsozialistischen Deutschland direkte und gezielte Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung. Bei den Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung wurden 267 Synagogen und mehr als 7.000 jüdische Geschäfte in Brand gesetzt und geplündert. 91 Menschen wurden getötet und ca. 30.000 in Konzentrationslager verschleppt. Weitere Hunderte starben an den Folgen.

Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichen Antisemitismus zur Existenzbedrohung für die Juden im ganzen Deutschen Reich. Sie waren der Anfang der systematischen Vernichtung der Juden im Holocaust.

Attentat als Anlass zur Reichspogromnacht

Das Attentat am 7. November 1938 auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, durch den siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan wurde zum Anlass für einen gegen die Juden gerichteten und angeordneten Pogrom genommen – eine Mord-, Brandstiftungs- und Plünderungs-, in letzter Konsequenz auch Raub- und Vertreibungsaktion bisher nicht gekannten Ausmaßes. 

In einem barbarischen Terrorakt setzten SA- und NSDAP-Mitglieder Synagogen in Brand, deren Trümmer später z.T. gesprengt wurden. Sie zerstörten etwa 7.000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler und verwüsteten Wohnungen der Juden. Sie töteten nach offiziellen Angaben insgesamt 91 Personen. Die Zahl derer, die infolge von Leid und Schrecken umkamen, ist nicht bekannt. An den Aktionen beteiligten sich auch Angehörige der Hitlerjugend und weiterer NS-Organisationen. Der Mob nutzte die Chance zur Plünderung. Alle Deutschen wurden Zeuge, wie die Menschenrechte und die Menschenwürde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten wurden. Unter den Gaffern wurde gejubelt und gejohlt, andere haben schweigend oder gleichgültig hingenommen, was geschah. Die Juden wurden in dieser Nacht nahezu allein gelassen. 

Folgen der Pogromnacht

Juden wurden von nun an in nie da gewesenem Ausmaß verfolgt, verschleppt und diskriminiert. SS und Gestapo organisierten die Verschleppung einer nicht exakt festgestellten Zahl jüdischer Männer und Jugendlicher (etwa 26.000) in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Viele von ihnen kamen dort infolge von körperlichen und psychischen Schikanen, von Medikamentenentzug u.a. um. Anderen wurde der Verzicht auf Eigentum abgezwungen. Die Masse der Inhaftierten kam erst nach Auswanderungserklärungen frei. Im Anschluss an die Pogromnacht wurden fast alle jüdischen Organisationen aufgelöst und die jüdische Presse verboten.  

Juden durften jetzt keinen Handel, kein Handwerk und kein Gewerbe mehr betreiben, Diskriminierungen, Verbote und Auflagen wurden immer mehr, sie umfassten das gesamte alltägliche Leben - den Juden in Deutschland wurde damit jegliche Existenzgrundlage genommen - wer konnte wanderte aus. 

Fakten

Das Geschehen während der Reichspogromnacht wird gemeinhin als eines der am besten dokumentierten Ereignisse der nationalsozialistischen Zeit bezeichnet. Nach anfänglichen Diskussionen und Kontroversen gelten für die Geschichtswissenschaft inzwischen folgende Tatsachen als unabweisbar: 

- Die Aktionen des 9. und 10. November 1938 waren von oben zentral angeordnet.

- Sie waren nicht längerfristig geplant oder vorbereitet, sondern kurzfristig nach dem Bekanntwerden des Attentats von Paris initiiert worden.

- Sie wurden in erster Linie von Parteistellen der NSDAP und Einheiten der SA sowie Behörden insbesondere der Polizei und Feuerwehr durchgeführt.

- Nach ihrer Ingangsetzung nahmen auch nicht organisierte Menschen in fast allen Städten in nicht unerheblichem Maß an den Ausschreitungen teil; dies gilt insbesondere für die Plünderung jüdischer Geschäfte und Wohnhäuser, aber auch für tätliche Angriffe und körperliche Misshandlungen.

Reichspogromnacht als "brutale geschichtliche Zäsur"

Der Novemberpogrom fällt in eine historische Konstellation, in der die "Judenpolitik" des nationalsozialistischen Regimes an einem Wendepunkt angelangt war. Er markiert End- und Anfangspunkt einer Entwicklung. Die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 steht für den Antisemitismus in Deutschland und den Wandel hin zu einer Entwicklung, die in einer "Endlösung der Judenfrage" im Sinne der Ermordung der europäischen Juden im deutschen Machtbereich mündete.
 

Die Pogromnacht 1938 auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz

Im Rahmen einer Gedenkfeier referierte der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Bernhard Kukatzki, am 9.11.2018 in Ingenheim-Billigheim über die Geschehnisse vor achtzig Jahren. In der Pogromnacht vom 9. November 1938, beschönigend  als "Reichskristallnacht"  bezeichnet, brannten auch in Rheinland-Pfalz die Synagogen, wurden vom Mob Geschäfte und Wohnungen geplündert und zerstört, jüdische Deutsche misshandelt und getötet. Der Direktor gab im Rahmen der Gedenkfeier einen Überblick über die Ereignisse in unserer Region.

Weitere Informationen

  • Unterrichtsmaterialien

Die inszenierte Empörung -  Der 9. November 1938 [pdf-Datei]
Die "Reichspogromnacht" stellt einen vorläufigen Höhepunkt der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland dar, die schlussendlich in den Vernichtungslagern ihren Zielpunkt fand. Die vorliegenden Materialien sollen dazu dienen, einen Projekttag zum 9. November 1938 zu ermöglichen. 
Themen und Materialien
(Bundeszentrale für politische Bildung)

Die Nacht als die Synagogen brannten
Texte und Materialien zum 9. November 1938
Trotz einer als hinlänglich gut zu bewertenden Erforschung der historischen Abläufe vor Ort bleibt das Gesamtgeschehen des Novemberpogroms 1938, auch unter Fachhistorikern, für verschiedene Deutungsmuster offen. Vor deren Hintergrund könnte es hier reizvoll sein, bereits bekannte Quellen neu zu lesen und zu interpretieren. 
(Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg)

Erinnern und Verschweigen
Themenblätter im Unterricht (Nr. 14)
Manche meinen, Geschichte, gehe uns nichts an. Erst recht jene Geschehnisse, die über 50 Jahre zurückliegen. Doch wer auf das 20. Jahrhundert zurückschaut, entdeckt die absolut größte Gewaltrate in der Geschichte. Daran wird auch und gerade in der Schule erinnert.
(Bundeszentrale für politische Bildung)

"Reichskristallnacht" 9./10. November 1938
Fakten, didaktische Hinweise, Literatur und Links zum Thema - alles was man für den Unterricht braucht.
(Bayerischer Rundfunk)

Judenverfolgung und Holocaust
Höhepunkt der Judenverfolgung vor dem Zweiten Weltkrieg war der Novemberpogrom 1938, bei dem über 1400 Synagogen und jüdischen Bethäuser in Brand gesteckt und verwüstet wurden.(Lernplattform für offenen Geschichtsunterricht - seguGeschichte)

9. November 1938
Projekte und Bildungsmaterialien.
(Lernen aus der Geschichte)

Nationalsozialismus: Krieg und Holocaust
Das Heft beschreibt den Krieg in Europa, den Holocaust und die "Aufarbeitung" der NS-Zeit nach 1945.
Informationen zur politischen Bildung Heft 316/2012
(Bundeszentrale für politische Bildung)